Der VEB Leipziger Feinkost | 1952 – 1992

Durch die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung mit Gründung der DDR im Jahr 1949 wurden alle auf dem Gelände ansässigen Firmen 1952 zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Leipziger Feinkost zwangsverstaatlicht und zusammengeschlossen. Im Zuge der Enteignung der C.W. Naumann Grundbesitz AG wurde das Grundstück dem VEB übergeben.
Produziert wurden nun unter gemeinsamer Leitung Konfitüren, Marmeladen, Frucht- und Obstsäfte, Obstweine, Obst- und Gemüsekonserven und tischfertige Konserven.

Mit der weiteren Zentralisierung und Rationalisierung des sozialistischen Wirtschaftssystems wurde der VEB Feinkost 1967 Kombinatsbetrieb der Obst- und Gemüseverarbeitung im Bezirk Leipzig. Ihm unterstanden der VEB Frutta in Altenburg und der VEB Mosterei Syhra. Die Produktion wurde spezialisiert auf Gemüsekonservierung, ein umfangreiches Angebot doppelt konzentrierter Suppen, Tomatenmark- und Ketchup, sowie Fertiggerichte. Im Schichtbetrieb wurden täglich fast 70.000 Konserven abgefüllt. Bei überproportionalen Ernten mussten oft Hilfskräfte angefordert werden, um die Verarbeitung zu bewerkstelligen. U. a. versorgte der VEB Feinkost die Nationale Volksarmee und vor allem die Verkaufsstellen des Ausstellerservices auf der internationalen Leipziger Frühjahrs – und Herbstmesse. Hierher kamen die Raritäten wie Spargel- und Pfirsichkonserven.

Entsprechend den Produktionsansprüchen und dem Organisationsaufwand fanden Veränderungen in und an den Gebäuden statt. Im Süd- und Westflügel wurde die umfangreiche Verwaltung mit Betriebsfunk und Telefonzentrale untergebracht, sowie Sanitär- und Aufenthaltsräume der Mitarbeiter. Ein ausgeklügeltes Transport- und Verarbeitungssystem von der Anlieferung der Nahrungsmittel über die Zubereitung und schließlich Abfüllung und Abtransport der fertigen Konserven durchzog das gesamte Gelände. In der Lehrausbildungshalle (heute Mrs. Hippie), war der gesamte Produktionsprozess en miniature nachgebildet. Besonderer Wert wurde auf die Feststellung gelegt, dass die gesamte Produktion voll automatisch ablief. Bis auf den Umstand, dass zwischen den tatsächlich automatisierten Arbeitsgängen sämtlicher Transport per Handkarren erfolgte, was zum einem mörderlichen Getöse führte.
Der wiederhergestellte Gildensaal wurde Hauptproduktionshalle. In den Kellergewölben wurden die Konserven gekühlt, etikettiert und gelagert. In die Räume des ehemaligen Südbräu zog die Werkskantine mit Speisesaal direkt an der Karl-Liebknecht-Straße. Seit 1970 wurde hier auch die Schulspeisung der nahe gelegenen Schulen durchgeführt.
Bereits in den 60er Jahren war die Nutzung des Werkhofes mit dem Einbau der großen Sheddächer wieder vollständig möglich.

Die Baulücke Karl-Liebknecht – Ecke Braustraße wurde umfriedet und diente als Lager und Leerguthof. Der markante Giebel – eigentlich die verbliebenen Innenwand des kriegszerstörten Eishauses – wurde mit einer Reklameschrift versehen. Im Zuge der Verschönerungskampagne der SED-Bezirksleitung „Leipzig – Stadt des Lichts und des Wassers“ wurde entschieden, diese Wand aufgrund der Lage entlang einer der bedeutendsten Magistralen der Messestadt neu zu gestalten. Die Grafikergruppe „unda“, der u. a. Theo Hesselbarth und Jürgen Mau angehörten, entwarf die heute unter dem Spitznamen „Löffelfamilie“ populär gewordene „Hochspannungsleuchtröhren-Werbeanlage“. In origineller Weise wurde das Motiv des Marlboro-Cowboys in Las Vegas für die staatseigene Suppenproduktion adaptiert. In einem ersten Entwurf saßen dabei noch fünf hungrige Familienmitglieder am Tisch. Die Kosten dieser Verschönerungsaktion – und den laufenden Unterhalt – hatte der VEB allerdings selbst zu tragen. Obwohl jede Figur einzeln schaltbar war – was auch zum künstlerischen Konzept gehörte – mussten bis zum Ende der DDR Vater, Mutter, Tochter und Sohn im Gleichtakt ihre Suppe löffeln, was ihnen ursprünglich den Namen „Löffelbrigade“ einbrachte.
Die Leuchtreklame wurde 1993 als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt und 1999 durch Spenden in veränderter Form und Farbgestaltung wieder hergestellt. Eigentümer dieser Kopie war seit 9.9.1999 der nato e.V.

Die Produktion im VEB Feinkost erfolgte zunehmend auf Verschleiß. Der Anschaffung modernster westlicher Technik noch Ende der 1980er Jahre standen teilweise bedenkliche hygienische und bauliche Verhältnisse gegenüber.

Mit der politischen Wende wurde der Kombinatsbetrieb mit seinen einzelnen Produktionsstätten entflochten. Über Nacht wurden die DDR-Betriebsdirektoren 1990 per Gesetz zu GmbH-Geschäftsführern. Aus Warenverteilern mussten auf einmal konkurrenzfähige Unternehmen werden. Gleichzeitig wurden aber die Beziehungen zu den einstigen Großhandelsorganisationen gekappt, die sich ihrerseits ja auch wieder in Auflösung befanden. Organisiert und überwacht wurde die Umwandlung von der staatlichen Treuhandanstalt. Der neuen Feinkost Leipzig GmbH wurde aufgrund der rapide gesunkenen Nachfrage und des massiven gesamtbetrieblichen Investitionsstaus von der Treuhand keine betriebswirtschaftliche Zukunft eingeräumt. Nach 40 Jahren volkseigener Feinkost-Produktion wurden die über 350 Mitarbeiter abgewickelt und das Werk geschlossen.

Geblieben sind Erinnerungen an Gabelstabler-Rennen im Tiefenkeller während der Nachtschicht, an Nagetiere aller Art, die Sicherung der heißbegehrten Tauschware Spargel, den Abstieg in die „Hölle“ (Spirituosenlager zur Weinbrand-Pralinenherstellung) und intensive Begegnungen mit ungarischen Austauschlehrlingen …