Visionen
Völlig überrascht betritt man eine eigene Welt. Die Patina früherer Nutzungen und die erlebbar gemachte Ausstrahlung vergangener Architektur bilden die Kulisse für ein entspannt-buntes Treiben auf dem Feinkosthof. Aus weit geöffneten Ladentoren dringt Musik; verführerische Düfte von frischem Brot, exotischen Gewürzen oder Kaffee wehen einem um die Nase. Genießer werden gleich das reichhaltige Angebot des Feinkost-Cafés entdecken, fair gehandelt und ökologisch angebaut.
Vor dem Kunsthandwerksladen sind Schmuck und Kleidungsstücke aus Afrika, Lateinamerika und Asien ausgebreitet. Von selbstgefertigten Masken, Hand- und Stabpuppen wimmelt es in der Phantasiewerkstatt im Souterrain, schon vom Hof aus kann man der Künstlerin beim Arbeiten zuschauen. Im Buchladen lauschen die Jüngsten gebannt der Lesung eines Kinderbuchklassikers. Einige Schritte nach unten und man ist in der großen Halle von Mrs. Hippie. Zwischen den hohen gußeisernen Säulen ist es ein Erlebnis, nach dem passenden Outfit zu suchen. Der überdachte Teil des Hofes verwandelt sich einmal monatlich in bunten Trödelmarkt und wird so zu einem besonderen Anziehungspunkt. Abgeschirmt davon liegt der ruhige Gartenhof – eine grüne Oase. Hier kann man vergnügtes Quietschen aus dem Löffelkinderladen hören oder eine der Köstlichkeiten aus der Hofkantine probieren. Mit dem Kinderwagen oder der vollen Einkaufstasche kann man auch problemlos eine weitere Attraktion des Feinkost-Hofes aufsuchen: Den Indoor-Markt im einstigen Gildensaal.
In dieser weiten Halle herrscht eine Atmosphäre wie auf einem Basar. Die unterschiedlichsten Handwerker, Händler und Künstler bieten hier Produkte in ihrem eigenen kleinen Marktstand an. Bei jedem Wetter kann dieser für Leipzig einmalige Markt aufgesucht werden. Am Abend werden dann die Verkaufstheken und Ausleger der Stände einfach zusammengeklappt und die Halle verwandelt sich – je nach Bedarf – in eine geräumige Aula oder ein außergewöhnliches Diskussionsforum.
Eine weitere Welt tut sich in den weitläufigen Gewölbehallen direkt unter dem Hof auf. Schon von der Karl-Liebknecht-Straße kann man dabei unter Tage gelangen: Das ehemalige Eishaus bildet als Entree mit seiner Treppenanlage den Auftakt zu einer ganzen Folge einzigartiger Raumerlebnisse. Von Licht- und Tonkünstlern bereits entdeckt, werden diese Hallen als Konzert- und Tanzsäle, Theater oder Kinos genutzt. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Wem dann nur Zuschauen nicht mehr reicht, kann in den oberirdischen Ateliergeschossen gleich selbst noch Tango tanzen lernen und das zur Musik vom benachbarten Tonstudio. Oder man lässt den Tag entspannt beim Yogakurs auf der großen Dachterrasse ausklingen.
Die Feinkost als ein Ort, den man gern aufsucht, wo man immer wieder Neues entdeckt, der voller Leben steckt. Im wahrsten Sinne des Wortes, wie die kongeniale Lichtinstallation “Das atmende Haus” von Carlo C. beweist und bei Einbruch der Dunkelheit das pulsierende Leben auf dem Feinkosthof widerspiegelt. Und gleichsam das Bedürfnis weckt, die tot geglaubten Hinterlassenschaften des ehemaligen Suppenkombinats endlich wieder mit echtem Leben und neuen Projekten zu füllen.
Der interessierte Besucher entdeckt bei näherer Betrachtung auf dem Kunst- und Gewerbehof Details wie die besondere, individuelle Gestaltung von Gebrauchsgegenständen: Fahrradständern, Schutzgittern, Eingangstüren und Beleuchtungen.
Als Ausdruck von Werkstolz sind diese Verzierungen durchaus demonstrativ. Sie sind die ins Öffentliche gewendete Identität der Akteure. In der hier entwickelten Vielfalt von Verzierungen handwerklicher und künstlerischer Art zusammen mit den künstlerischen Gestaltungselementen auf der Fläche und den Fassaden entstand ein Erscheinungsbild und eine Erlebnisqualität, die von vielen als Gesamtkunstwerk wahrgenommen und auch in anerkannten Stadt- und Reiseführern so beschrieben wird. Vor allem, weil sich hier die eigensinnige Gestaltung in den einzelnen Räumen der Projekte fortsetzt, also eine Gesamtheit aus gestalteten Werkflächen und Umgebungsflächen entstanden ist. Diese spezifische Qualität vielfältiger und eigensinniger Arbeits-, Handels- und Selbstdarstellungskultur in einer übergreifenden künstlerischen Gestaltung des Gesamthofes ist Weg und Ziel der Kunst- und Gewerbegenossenschaft Feinkost eG.
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